Vivantes

Nicht der Streik sondern der Normalzustand gefährdet die Patient*innen

Vivantes und Charité gemeinsam

Nicht der Streik sondern der Normalzustand gefährdet die Patient*innen

Der folgende Text dokumentiert, wie die Situation in den Krankenhäusern gerade ist - geschrieben als Reaktion auf einen Kommentar von G. Schupelius in der BZ vom 19.10.

Ich bin Krankenpflegerin auf einer großen Intensivstation und habe neben anderen
Kollegen und Kolleginnen aus den verschiedensten Bereichen an beiden Warnstreiks
teilgenommen.
Ich bin bei Vivantes angestellt. Hier gab es anders als bei der Charite eine
Notdienstvereinbarung. Diese sah vor, dass alle Stationen für die Versorgung von Covid-19 Patient*innen vom
Streik ausgenommen sind und auf den meisten anderen Stationen die
Wochenendbesetzung gewährleistet werden musste. Zwischen der Besetzung unter der
Woche und der am Wochenende gibt es allerdings kaum einen Unterschied. Daher
kamen viele Kollegen und Kolleginnen aus ihrem Frei oder sogar Urlaub, um den Streik zu
unterstützen. Auf einigen besonders streikbereiten Stationen galt die Nachtbesetzung als
Grundlage.
Nur auf diesen Stationen konnten einige Kolleg*innen aktiv ihren Dienst bestreiken und
somit ihr Streikrecht wahrnehmen. Es wurden weder Betten gesperrt noch Operationen
verschoben. Es war die gleiche Arbeitslast wie an jedem anderen Tag auch. Ausbaden
mussten das die Kolleg*innen, die die Notbesetzung gestemmt haben.
Ist das fair? Ganz sicherlich nicht.
Sollte deshalb nicht gestreikt werden? Ganz sicherlich nicht.
Es wird nie den perfekten Moment geben, um in der Pflege bzw. im Gesundheitswesen zu
streiken. Es wird immer Menschen geben, die krank sind und auf unsere Unterstützung
angewiesen sind. Dieser Verantwortung sind wir uns nur allzu gut bewusst.
Es ist eine Verantwortung, die wir 365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag tragen. Wir
stehen Patient*innen bei, wenn sie Schmerzen haben und ihnen übel ist. Wir stehen ihnen
bei, wenn sie schlechte Nachrichten bekommen und betreuen auch ihre Angehörigen und
Freunde. Wir stehen Ihnen bei, wenn sie die ersten Schritte nach einer Operation machen
oder im Bett auf einen Schieber müssen, weil sie nicht laufen können. Wir stehen ihnen
bei, wenn sie nach der kurzen ärztlichen Visite noch Fragen haben oder ihre Therapie
noch einmal erklärt bekommen möchten. Wir stehen ihnen bei Sorgen, Ängsten und
Einsamkeit bei. Wir sorgen dafür, dass sie die richtigen Medikamente zur richtigen Zeit in
der richtigen Dosierung bekommen. Wir sorgen dafür, dass für Operationen alles
vorbereitet ist. Wir sorgen dafür, dass sie Essen und Trinken bekommen. Wir sorgen uns,
um die Menschen, die wir betreuen.
Uns nun mangelnde Verantwortung vorzuwerfen, zeugt von Blindheit.
Während des Streiks vor unserem Haus haben wir ein Banner gemalt. Auf dem steht: "Es
ist der Normalzustand, der die Patient*innen gefährdet, nicht der Streik".
Ich finde diesen Satz sehr passend. Denn der Normalzustand in unserem
Gesundheitssystem ist erschreckend. Hören sie sich um. Sprechen sie mit Pflegekräften
oder Physiotherapeut*innen, mit dem Patientenbegleitservice oder den
operationstechnischen Assistent*innen. Alle werden ihnen gruselige Geschichten erzählen
können. Geschichten, in denen Menschenleben gefährdet oder zumindest die Würde des
Menschen nicht geachtet wurde. Und das nicht, weil wir, die wir im Gesundheitswesenarbeiten, unsere Verantwortung nicht kennen oder tragen, sondern weil wir in einem
System arbeiten, das es uns häufig schlichtweg nicht ermöglicht, uns so um die
Patient*innen zu kümmern, wie wir es sollten und auch wollen. Es gibt häufig Schichten,
in denen wir rennen und rennen, machen und tun und trotzdem am Ende des Dienstes
nicht alles geschafft haben, nicht zufrieden mit unserer Arbeit sind.
Wenn wir also streiken, dann tun wir das in erster Linie nicht, um mehr Gehalt zu
bekommen.
Wir streiken, um Druck zu erzeugen, auf die Politik und die Verantwortlichen im
Krankenhaus.
Wir streiken für mehr Personal, denn mehr von uns sind besser für alle.
Wir streiken für ein besseres Gesundheitssystem.
Wenn wir also streiken, dann nicht nur für uns, sondern für all die Menschen, die in ihrem
Leben medizinische Versorgung benötigen und benötigen werden.
Wir streiken auch für Sie, Herr Schupelius.
Wenn sie also jemandem mangelnde Verantwortung vorwerfen wollen, dann den
verantwortlichen Politiker*innen, der Klinikleitung von Charite und Vivantes, den privaten
Krankenhauskonzernen und allen, die aus Gesundheit Profit schlagen.
Aber werfen sie das nicht uns vor.